Diözesan-Caritasverband Eichstätt, 20.03.2012

Sorgsam Barrieren abbauen

Gespräch mit Bischof über Inklusion im Caritas-Zentrum St. Vinzenz

Über das derzeit in der Öffentlichkeit stark diskutierte Thema „Inklusion von Menschen mit Behinderung“ hat der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke (OSB) am Montag (19.3.) ein Fachgespräch im Caritas-Zentrum St. Vinzenz in Ingolstadt geführt. Daran nahmen neben dem stellvertretenden Direktor des Caritasverbandes Eichstätt, Dr. Thomas Echtler, und dem Leiter von St. Vinzenz, Markus Pflüger, rund zehn Bereichsleiterinnen und -leiter in der Einrichtung für geistig und mehrfach behinderte Menschen, insbesondere Kinder, teil.  Anlass war der Josefstag, den katholische Einrichtungen und Verbände stets nutzen, um auf die Wichtigkeit gesellschaftlicher Integration und beruflicher Teilhabe sozial benachteiligter und individuell beeinträchtiger junger Menschen aufmerksam zu machen. Der heilige Josef hat in der katholischen Tradition als Ziehvater Jesu unter anderem das Patronat für Kinder und Jugendliche.

Über Unsicherheiten wie Chancen ausgetauscht

Nach den Worten Pflügers, der auch Sprecher für Behindertenhilfe der Caritas im Bistum Eichstätt ist, gibt es weltweit über 650 Millionen und in Deutschland rund sieben Millionen Menschen mit Behinderung. Nach dem 2008 in Kraft getretenen und 2009 von Deutschland ratifizierten Übereinkommen der Vereinten Nationen für diese muss ihnen die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden. Pflüger sowie seine Kolleginnen und Kollegen informierten den Bischof sowohl über Unsicherheiten als auch neue Chancen bei dieser Herausforderung. Der Bischof selbst bekannte, dass er bei seinen Visitationen in Pfarreien „große Ängste gespürt habe, dass das zu Überforderung führt“. Pflüger bestätigte diese Erfahrung mit seiner Beobachtung bei manchen Eltern von Kindern mit Behinderung, „die vehement für den Erhalt der Förderschule kämpfen“. Er versicherte, er wolle auf jeden Fall einem möglichen negativen Trend entgegenwirken, an dessen Ende nur noch schwer und mehrfach behinderte Kinder mit hohem Pflegeaufwand in der Förderschule bleiben und diese zur Restschule wird. Es dürfe nicht passieren, dass diese „im kleinen, aber feinen Ghetto“ verschwinden und dadurch zu Verlierern der Inklusionsdebatte werden, so Pflüger. 

Im Gegensatz zu einem solchen Trend muss die Förderschule dem Einrichtungsleiter zufolge selbst „inklusive Schule“ werden, indem sie Regelschüler aufnimmt und so Kinder mit und ohne Behinderung sowie deren Eltern zusammenbringt. Pflüger wünscht sich, dass im Caritas-Zentrum St. Vinzenz ab dem übernächsten Schuljahr eine Tandemklasse von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Handicap ins Leben gerufen werden kann. Der stellvertretende Sonderschulrektor des Privaten Förderzentrums mit Schwerpunkt Geistige Entwicklung von St. Vinzenz, Rainer Grupp, sieht seine Schule für die Zukunft auch für die Zusammenarbeit mit Regelschulen gut vorbereitet, „indem wir Kompetenzzentrum für alle Arten von Beeinträchtigungen sind“.

Als einen wesentlichen Schritt zu einer Normalisierung des Zusammenlebens sieht Markus Pflüger die Kinderkrippe für Kinder mit und ohne Behinderung, die der Caritasverband Eichstätt für St. Vinzenz demnächst gemeinsam mit einem weiteren Wohnheim im Nordviertel Ingolstadts an der Ecke Hindenburg-/Händelstraße errichten will. Darüber hinaus habe St. Vinzenz eine Vielzahl von Initiativen gestartet, um Menschen mit Behinderung aus St. Vinzenz mit anderen Menschen zusammenzubringen. Pflüger nannte beispielsweise den öffentlichen Auftritt des Vinzenz-Chores in der Reihe "Texte und Musik über Gott und die Welt" in der Ingolstädter Kirche St. Moritz. Die verantwortliche Mitarbeiterin für die Offene Behindertenarbeit, Cornelia Eichlinger, machte auf eine verstärkte Kooperation mit der Volkshochschule aufmerksam, zum Beispiel in einem Kurs „Leichte Sprache“.    

Der Verwaltungsleiter von St. Vinzenz, Ludwig Wittmann, sagte, die Bevölkerung müsse sorgsam auf Inklusion – also die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen in der Gesellschaft – vorbereitet werden und dürfe nicht überfordert werden. Der Eichstätter Bischof erzählte eine Episode, die deutlich mache, wie schwer es ist, dies teilweise auch im kirchlichen Bereich umzusetzen:  Als er einmal in einer Filialkirche aushalf, habe ein Mädchen mit Down-Syndrom bei seiner Predigt erfreut Laute von sich gegeben – in dem Versuch mitzupredigen. Er selbst habe dies mit Freude wahrgenommen, doch später habe es auf dem Dorfplatz eine Diskussion gegeben, ob so etwas in einer Messe sein dürfe. Der Bischof wünschte sich, dass Gottesdienstteilnehmer eine solche Begebenheit zum Anlass nehmen, um mit behinderten Menschen in Beziehung zu treten.

Bischof: Gegen „Luftschlösser“ desillusionierend wirken

Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in St. Vinzenz dankte Bischof Hanke für ihren Einsatz. Sein Eindruck sei gestärkt worden, „dass Kirche hier eine ganz wichtige Arbeit tut“. Er bat die Caritasengagierten darum, insbesondere auch „mentale Barrieren“ bei Menschen mit Behinderung abzubauen, die diese in einem „Begriff von Glück und Gesundheit erfahren, der völlig überzogen ist“. Wenn Biotechnik und Werbung Bilder von einem Leben vermittelten, die „Luftschlösser“ seien und Übererwartungen weckten, müsse die Caritas desillusionierend wirken, so der Bischof. 

 

 

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke (OSB) führte mit mehreren Caritasverantwortlichen ein Fachgespräch über Inklusion im Caritas-Zentrum St. Vinzenz in Ingolstadt. An dem Gespräch nahmen unter anderen der Sonderschulrektor des Privaten Förderzentrums mit Schwerpunkt Geistige Entwicklung, Roberts Krigers, der Leiter von St. Vinzenz, Markus Pflüger, der stellvertretende Caritasdirektor Dr. Thomas Echtler und der stellvertretende Leiter von St. Vinzenz sowie Verantwortliche für die Heilpädagogische Tagesstätte für geistig behinderte Kinder und Jugendliche, Gerhard Doleschal, teil (von links). Foto: Caritas/Esser

 

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