Diözesan-Caritasverband Eichstätt, 31.08.2016

"Heimweh hat noch nie ein Kind gehabt"

Verantwortliche de Caritasstiftung bei Freizeit für schwerst mehrfachbehinderte junge Menschen

„Wir halten das für ein besonders innovatives Projekt, in dem Kindern mit besonderen Einschränkungen und Benachteiligungen auf kreative Weise mit vielen Angeboten sinnvoll geholfen wird.“ Das meinte der Vorsitzende der Caritasstiftung Eichstätt, Caritasdirektor Franz Mattes, nachdem er sich heute gemeinsam mit Stiftungsgeschäftsführer Johann Baumgartner im Jugendhaus Schloss Pfünz einen Eindruck von der Ferienfreizeit für schwerst mehrfachbehinderte Kinder des Caritas-Zentrums St. Vinzenz Ingolstadt verschafft hatte. Mit insgesamt 16.200 Euro fördert die Stiftung sechs solcher Freizeiten bis zum Jahr 2018.

Kirchliches Liederritual für Beteiligte bedeutend

Sechs Buben und ein Mädchen im Alter von sieben bis 13 Jahre mit den Diagnosen Autismus-Spektrum-Störung und Down-Syndrom mit Problemverhalten nehmen an der derzeitigen fünftägigen Sommerfreizeit in Pfünz teil.  Am Anfang eines jeden Tages versammeln sich die Kinder mit der leitenden Heilerziehungspflegerin Lydia Pavlenko, Erzieher Michael Budel und den beiden Kinderpflegerinnen Elvira Herter und Katrin Kern in der Kapelle des Jugendhauses. Jedes Kind zündet dort unter Hilfestellung von Katrin Kern vor dem Altar eine Kerze an. Anschließend singen alle gemeinsam ihre kirchlichen Lieblingslieder. Heute klatschen der Caritasdirektor und Geschäftsführer der Caritasstiftung, Johann Baumgartner, gemeinsam mit ihnen zu „Laudato si“  und „Lasst uns miteinander singen, spielen, loben den Herrn“. „Manche Kinder singen dann hier zum Teil eine Stunde“, informiert Lydia Pavlenko die Gäste über die durchaus hohe Bedeutung dieses Rituals für die Beteiligten.

 

 

Mit ein wenig Hilfestellung von Kinderpflegerin Katrin Kern zündet die zehnjährige Lena eine Kerze vor dem Altar in der Kapelle an. Die Kinder empfinden dies als wichtiges religiöses Ritual. Fotos: Caritas/Esser

 

 

Der Vorsitzende der Caritasstiftung Eichstätt, Caritasdirektor Franz Mattes, und Heilerziehungspflegerin Lydia Pavlenko klatschen mit Kindern zu deren kirchlichen Lieblingsliedern.

 

Hauptaktion an diesem Tag ist aber die anschließende Malstunde in einem entsprechenden Werkraum des Jugendhauses. Nicht ohne Stolz präsentiert der neunjährige Philipp den Gästen und Betreuerinnen Farbabdrücke der eigenen Hand, die er in der letzten Stunde angefertigt hat – und schenkt einigen diese. Dann gießt der siebenjährige Patrick gemeinsam mit Lydia Pavlenko rosa Farbe auf ein gelbes Blatt in einer Farben-Zaubermalmaschine.  Johann Baumgartner zeigt sich beeindruckt: „Die Kinder bringen sich hier wirklich toll ein und sehen auch selbst, welche Farben zu welchem Papier gut passen.“ Die sich hier ergebenden Farbergebnisse dienen Lydia Pavlenko zufolge der Gruppe später zum Beispiel dazu, Geschenkkarten oder Liederhefte zu gestalten. An einem anderen Tisch probieren sich derweil die zehnjährige Lena und der achtjährige Gabriel in Stoffmalerei auf einer kleinen Tasche aus. Philipp lässt inzwischen auf einem mit verschiedenen Farben versehenen Blatt in einem Karton „eine Kugel tanzen“, wie es die Kinder und Betreuungskräfte nennen. „Das ist am schönsten“, sagt er, was seine Lieblingsaufgabe beim Malkurs ist. Andere Kinder können sich aufgrund ihrer Schwerstbehinderung sprachlich nicht äußern. „Doch wir erkennen vieles von dem, was sie fühlen und wollen, an ihrer Gestik, Mimik und Körpersprache“, erklärt Lydia Pavlenko.

 

 

Der siebenjährige Patrick ist an der Farben-Zaubermalmaschine aktiv. Caritasdirektor Franz Mattes und der Geschäftsführer der Caritasstiftung, Johann Baumgartner (rechts), sind von der Aktion sowie dem gesamten Malkurs beeindruckt.  

 

Was im Alltag nicht möglich ist

Dass die die Heilerziehungspflegerin des Caritas-Zentrums St. Vinzenz die Kinder immer besser kennenlernt, führt sie zum Großteil auf die besonderen Freizeiten für junge Menschen mit sehr hohem Pflege- und Förderbedarf sowie mit auffälligem Verhalten zurück. Seit dem Jahr 2014 bietet St. Vinzenz diese an. „Im Alltag fehlt speziell für die schwerst mehrfachbehinderten Kinder und Jugendlichen manchmal die Zeit für erholsame Angebote, da im Vordergrund Pflege, Hygiene und Ernährung stehen“, nennt Lydia Pavlenko einen wesentliche Grund dafür, dass sie diese Initiative ins Leben rief. Ein weiterer war: „In Gesprächen mit Eltern habe ich wahrgenommen, dass diese mit der Betreuung ihres Kindes oftmals am Ende ihrer Kräfte angelangt sind und dringend Entlastung benötigen, damit einmal Zeit für sie selbst und andere Familienmitglieder bleibt, zum Beispiel für Geschwister des behinderten Kindes.“

In den Freizeiten hat die Heilerziehungspflegerin Aspekte bei den ihr anvertrauten Kindern selbst kennengelernt, die sie in der Tagesstätte nicht wahrnehmen kann: „zum Beispiel, wie ein Kind schläft“. Das wirke sich natürlich auch für den Erfahrungsaustausch über die Kinder bei Elterngesprächen hilfreich aus. Bereits vor der diesjährigen Sommerfreizeit war sie davon überzeugt, „dass auch schwerst mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche durchaus in der Lage sind, ohne ihre Familie oder ihre Eltern drei Tage Ferien zu machen, um mit ihren Betreuern neue Erfahrungen zu erleben und zu genießen.“ Nun organisierte sie die derzeitige Freizeit in Pfünz – auch dank der Förderung der Caritasstiftung – erstmals länger: statt drei jetzt fünf Tage.  „Auch die schwerst mehrfachbehinderten Kinder haben Anspruch auf Ferien, auf Erholung. Sie müssen die Möglichkeit haben, ihr Elternhaus für kurze Zeit zu verlassen und Betreuung, Unterkunft und Verpflegung in einer anderen Gemeinschaft erfahren zu können“, beteuert die Caritas-Heilerziehungspflegerin.

Vielfältiges Programm an fünf Tagen

„Und bei fünf Tagen können die Kinder eben noch mehr erleben und haben dann das ganze Schuljahr was zu erzählen“, ergänzt sie. Neben Beten und Singen in der Kapelle und „Malen und Gestalten“ stehen heuer zum Beispiel auch Spaziergänge und Ausflüge, Musikstunden mit Bewegung, täglicher Sport, Besuche auf einem Bauernhof und freies Spiel im Park auf dem Programm. All dies dient nach Erfahrung der Heilerzieherin dazu, die Kinder darin fördern, sich grundsätzlich besser in ihrer sozialen Umgebung zurechtzufinden. „Und Heimweh hat noch nie ein Kind gehabt“, beteuert die Caritasmitarbeiterin.

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