Überzeugt vom Berufsvorbereitenden Dienste im Caritas-Kinderdorf Marienstein sind Walter Heller, Willi Schödl, Jason Lehmann und Peter Rohauer (von links). Foto: Peter Esser / Caritas
"Junge Armut!? Gemeinsam für Generationengerechtigkeit": Unter diesem Motto stehen heuer die sogenannten "Armutswochen" der Caritas zwischen dem Internationalen Tag zur Beseitigung der Armut am 17. Oktober und dem katholischen Welttag der Armen am 15. November. Dabei will die Caritas vor allem auf fehlende Bildungs- und Teilhabechancen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufmerksam machen. Ein Projekt, das bereits seit 28 Jahren jungen Menschen mit Problemen solche Chancen ermöglicht, ist der Berufsvorbereitende Dienst (BvD) des Caritas-Kinderdorfes Marienstein.
Nach Mitteilung des dortigen Erlebnispädagogen Walter Heller haben seit 1998 275 Mädchen und Jungen am privaten staatlich anerkannten Förderzentrum mit Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung der Einrichtung einen solchen Dienst in der achten Schulklasse absolviert. Nach dem Schulunterricht arbeiteten sie jeweils in einem örtlichen Betrieb mit, um berufspraktische Erfahrungen zu sammeln. "Seinerzeit war es für unsere Schülerinnen und Schüler sehr schwer, eine Ausbildung zu finden. Deren Chancen wollten wir verbessern", begründet Walter Heller, warum er das Projekt initiierte. Mit Erfolg: Denn rund ein Drittel der Absolventinnen und Absolventen des BvD hat nach seinen Angaben anschließend zumindest eine Ausbildung auf dem zweiten Arbeitsmarkt - zum Beispiel bei den Caritas-Werkstätten in Ingolstadt oder bei Berufsbildungswerken - bekommen, etwa ein Fünftel hat weiterführende Schulen besucht und ein weiteres Drittel hat sogar eine reguläre Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt erhalten. Oft war dies in den Betrieben der Fall, in denen die jungen Menschen zuvor den BvD geleistet hatten.
Im Autohaus zur Ausbildung qualifiziert
Zu diesen gehört der heute 17-jährige Jason Lehmann aus Eichstätt. Er war 2014 wegen ADHS, das sich vor allem in Hyperaktivität und Konzentrationsstörungen bei ihm zeigte, ins Caritas-Kinderdorf Marienstein gekommen. In den Jahren 2021 und 2022 führte er seinen BvD bei Ford Schödl in Eichstätt durch. "Ich habe den Mitarbeitern beim Kundendienst, zum Beispiel beim Ölwechsel, der allgemeinen Inspektion oder dem Radwechsel geholfen", berichtet Jason Lehmann über seine Tätigkeiten und ergänzt: "Die Mitarbeiter waren sehr nett und haben mir viele Arbeiten zugetraut, wofür ich heute noch dankbar bin." Am Anfang fand er es schwer, lange bei Hitze zu arbeiten, "aber daran habe ich mich schnell gewöhnt".
Mittlerweile ist der 17-Jährige im zweiten Lehrjahr seiner Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker und meint: "Ich bin mir sicher, dass ich keinen besseren Ausbildungsplatz hätte finden können." Dementsprechend dankbar zeigt er sich gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Kinderdorfes, die ihm bei seiner Berufswahl halfen. Sein Ziel ist es, auch nach der Ausbildung bei Ford Schödl weiterzuarbeiten. Dessen Chef Willi Schödl hält das durchaus für möglich, wenn er sich weiterhin steigert. "Jason ist sehr aktiv und engagiert, braucht aber Führung und Struktur durch seinen Vorgesetzten, Meister Peter Rohauer. "Er muss zum Beispiel noch lernen, bei einer Inspektion nicht gleich fünfmal die Hebebühne rauf- und runterzulassen, also mehr Selbstkontrolle bekommen", nennt Rohauer ein Beispiel. "Und sein Schriftbild muss er noch verbessern", fügt Schödl hinzu. Er und seine Firma geben Jugendlichen aus dem Kinderdorf schon seit Beginn des BvD Chancen zu dieser Mitarbeit. "Wir pflegen bereits seit über 40 Jahren geschäftliche Beziehungen zu der Einrichtung. Sie hat für den gesamten Fuhrpark Ford-Fahrzeuge im Bestand und wir haben ihr auch schon einmal ein Fahrzeug gespendet. Früher waren wir mit Schwester Esther und Schwester Caritas in ständigem Austausch. Somit war klar, dass wir das Kinderdorf bei seinen Anstrengungen unterstützen wollen", erklärt Schödl. Bisher habe man rund 30 junge Menschen im BvD beschäftigt, im technischen sowie im kaufmännischen Bereich.
Bei Ford Schödl überwiegen positive Erfahrungen
Er verhehlt nicht, dass man dabei auch negative Erfahrungen gemacht habe. Einige Jugendliche seien nicht oder nicht pünktlich zur Arbeit erschienen und hätten kein Interesse gezeigt. Doch die positiven Erlebnisse hätten insgesamt überwogen - zum Teil mit "super Interesse" der jungen Leute, so der Chef der Autofirma. Daher will Schödl in dem Projekt auch weiter mitarbeiten, "vorausgesetzt, die Schüler wollen das von sich aus". Dafür spiele natürlich auch eine Rolle, dass das Kinderdorf alles dafür tue, um den BvD zu fördern. "Man muss auch die Betreuerinnen und Betreuer erwähnen, welche die Jugendlichen herbringen und auch wieder abholen. Das muss ja alles organisiert werden. Viele Betreuerinnen und Betreuer sind uns deshalb auch gut bekannt", so Willi Schödl.
Walter Heller würdigt auch das Engagement der Schülerinnen und Schüler selbst: "Schließlich ist das Projekt für sie eine zusätzliche Erschwernis: Während andere nach der Schule ins Freibad gehen, begeben sie sich zur Arbeit in einen Betrieb." In den vergangenen Jahren habe es allerdings auch mehrere "Abbrecher" gegeben, bedauert der Erlebnispädagoge. "Das Durchhaltevermögen der jungen Menschen ist nicht mehr so gegeben wie früher", beobachtet er. Dafür spiele auch eine Rolle, dass ins Kinderdorf in den vergangenen Jahren vermehrt Kinder und Jugendliche aufgenommen wurden, die besonders große Probleme haben: etwa in den hinzugekommenen Intensivpädagogischen Wohngruppen. "Dieses Betreuungsangebot richtet sich an Kinder und Jugendliche mit multiplen Störungsbildern, die im Setting des üblichen Rahmens einer heilpädagogischen Wohngruppe nicht adäquat betreut werden können", heißt es im Internetauftritt der Einrichtung. Hinzu kommt eine sozialpädagogische Wohngruppe für Kinder und Jugendliche mit Einschränkungen aufgrund von Autismus-Spektrum-Störungen.
Weiterhin rund 20 Firmen an Projekt beteiligt
Doch nicht nur die Verantwortlichen im Caritas-Kinderdorf Marienstein sind der Überzeugung, dass es sich lohne, die Kinder und Jugendlichen der Einrichtung weiterhin durch den BvD zu qualifizieren. Sonst ließe sich das Projekt wohl nicht alleine aus Spenden finanzieren: "Wir haben mehrere Unterstützer. Vor allem helfen uns der Rotary Club Eichstätt-Altmühltal und der Lions-Club Eichstätt", informiert Heller. Und sonst würden sich vermutlich nach seiner Mitteilung auch nicht weiterhin rund 20 Firmen in Eichstätt und Umgebung an dem Projekt beteiligen: Von Autohäusern und Schreinereien über Geschäfte und Kindergärten bis zum Fitnessstudio. Willi Schödl meint: "Wir sind der Meinung, dass man diese jungen Leute fordern und fördern muss. Das geht am besten mit der praktischen Arbeit. Außerdem haben die Kinder dann während der Woche auch ein bisschen Abwechslung von der Schule, wenn sie uns nachmittags besuchen."