Die Betreuungskraft Sabine Binder sprach mit ihrer Märchenerzählung die Gefühle der Seniorinnen und Senioren an. Foto: Peter Esser / Caritas
Seit gut einem Jahr findet ein- bis zweimal im Monat im Caritas-Seniorenheim St. Marien in Herrieden die Demenz-Präventionsmaßnahme "Märchen erzählen" statt. Eine der vier zusätzlichen Betreuungskräfte im Haus verwandelt sich dann in eine Märchenerzählerin in einem blauen, mit Mustern versehenen Mantel. Heute ist es Sabine Binder. Auf sie warten rund 30 Bewohnerinnen und Bewohner in einem Saal. Viele, aber nicht alle sind demenzkrank. Die Leiterin der Betreuung, Sabrina Rossmeisl, stimmt sie mit einer ruhigen Instrumentalmusik auf die bevorstehende gute halbe Stunde ein. Dann tritt Sabine Binder herein und läutet eine Handglocke - als Zeichen dafür, dass es losgeht. Heute geht es um das Märchen Aschenputtel der Brüder Grimm. Sabine Binder liest den Seniorinnen und Senioren aber nicht einfach das Märchen vor, sondern lässt sie Teil der Geschichte werden. In der Fachsprache heißt dies "Partizipatives Erzählen".
Mal Lächeln, mal Schluchzen
Die Betreuungskraft gestikuliert viel und wendet sich immer wieder einzelnen Personen direkt zu: "Die Guten ins Töpfchen", sagt sie, worauf ihr eine ältere Frau begeistert antwortet: "Die Schlechten ins Kröpfchen." An der Stelle im Märchen, an welcher der Königssohn und Aschenputtel miteinander tanzen, nimmt Sabine Binder die Arme einer anderen Seniorin und simuliert mit dieser einen Tanz. Als der Vogel ein Goldkleid für Aschenputtel vom Baum wirft, sagt eine Frau freudestrahlend: "Das ist gut." Und als eine der Stiefschwestern von Aschenputtel vergeblich den goldenen Schuh anprobiert, winkt ein Senior mit den Händen ab, als wolle er sagen: "Das bringt nichts." Mit einem lauten "Och" hatte kurz zuvor, als Aschenputtel ihren linken Schuh verlor, bereits eine andere ältere Frau ihre Gefühle zum Ausdruck gebracht. Viele weitere Beteiligte tun dies schlicht je nach Märchenstelle mit einem Lächeln oder einem Schluchzen. "Wir stellen immer wieder sichtbare Reaktionen bei unseren Bewohnerinnen und Bewohnern fest, die zeigen, dass es durch die Märchenerzählung zu einem höheren Wohlbefinden kommt: "Manche unruhige Bewohner werden ruhiger. Andere sind dagegen sehr aktiv", erklärt Sabrina Rossmeisl, was passiert und Ziel der Demenz-Präventionsmaßnahme ist.
Wie immer endet auch dieses Mal das Märchen, indem die Betreuungskraft "Und wenn sie nicht gestorben sind" vorträgt und nahezu alle Seniorinnen und Senioren den Satz mit "dann leben sie noch heute" vervollständigen. Anschließend reflektiert Sabine Binder noch eine Weile das Märchen mit ihnen: "Wie hieß das Kleidungsstück, das dem Prinzen half, Aschenputtel zu finden", fragt sie in die Runde und fast alle rufen "Der Schuh". Nicht ganz so viele, aber doch einige antworten auch auf die Frage, wer dem Aschenputtel hilft, die Linsen zu sortieren: "die Täubchen". Vermutlich, da es auch in Herrieden viele Tauben sowie aber auch Störche gibt, sagt eine Frau: "Wir haben ganz viele Störche." Am Ende der Märchenstunde klatschen alle und mehrere äußern: "Es war sehr schön."
Idee entstand eher zufällig
Die Idee, die Demenz-Präventionsmaßnahme "Märchen erzählen" in dem Seniorenheim einzuführen, entstand Sabrina Rossmeisl zufolge eher zufällig. Ein Mitarbeiter der gemeinnützigen Institution Märchenland in Berlin habe in der Einrichtung angerufen, über die Möglichkeit einer Weiterbildung in diesem Bereich informiert und Informationsmaterial geschickt. "Dann haben wir auf verschiedenen Ebenen im Haus darüber gesprochen: Ist das für unsere Bewohnerinnen und Bewohner überhaupt sinnvoll? Passt es zu unserer Arbeit? Und natürlich auch: Haben wir die personellen und strukturellen Möglichkeiten, so etwas dauerhaft anzubieten?", berichtet die Leiterin der Betreuung. Man entschloss sich dazu, das "Experiment" anzugehen. Nachdem die Betreuungskräfte drei Märchenstunden mit einer engagierten und kompetenten Frau von Märchenland miterlebt hatten, nahmen sie an einer zweitägigen Inhouse-Fortbildung teil. Und dann starteten sie selbst mit dem "Märchen erzählen" nach dem erlernten Konzept von Märchenland. Dieses stellte dafür vielfältige Materialien zur Verfügung: von dem blauen Mantel der Märchenerzählerin bis zu einem besonders großen Märchenbuch.
Zwischen 15 und 50 Personen nehmen laut Sabrina Rossmeisl an einer Märchenstunde teil. "Mir ist dabei wichtig, dass es ein offenes Angebot ist. Es gibt keine Voraussetzung, dass man eine Demenz haben muss oder zu einer bestimmten Gruppe gehören muss. Wer Freude daran hat und teilnehmen möchte, ist willkommen." Manche würden am Anfang sagen, dass sie das Märchen gar nicht kennen. "Wenn man dann aber beginnt, können sie plötzlich viele Inhalte wiedererkennen oder sogar mitsprechen. Andere haben manchmal Tränen in den Augen oder schauen gespannt. Und manche verfolgen die Märchenerzählerin während der gesamten Geschichte mit ihrem Blick", so die Leiterin der Betreuung. Und immer wieder werde die Märchenstunde auch zu einem biografischen Angebot: "Die Märchen sind dann eigentlich nur der Ausgangspunkt, und plötzlich sprechen die Bewohnerinnen und Bewohner über ihre Kindheit, ihre Familie oder frühere Erlebnisse." Es gebe freilich auch Leute, die mitteilten: "Das ist nichts für mich." Das respektiere man natürlich. Doch umso mehr freut sich Sabrina Rossmeisl auch, dass heute eine Frau, die dies einmal gesagt habe, trotzdem wieder gekommen ist.
Momente jenseits des normalen Alltages
"Mir hat besonders gut gefallen, wie der Vogel die Kleider zum Aschenputtel vom Baum geworfen hat", meint die 73-jährige Ursula Eyrisch nach der Vorstellung. Sie fand es sehr schön, auch wenn ihre Lieblingsmärchen Rotkäppchen bleibe. Sie kommt nach eigenem Bekunden jedes Mal und freut sich schon auf die nächste Märchenstunde. "Ich möchte unseren Bewohnerinnen und Bewohnern abwechslungsreiche Angebote ermöglichen und ihnen Momente schenken, in denen sie einmal aus dem normalen Alltag herauskommen können. Und die Märchenstunde ist dafür eine Möglichkeit, die gleichzeitig Erinnerungen, Phantasie, Gefühle und Gemeinschaft ansprechen kann", bringt Sabrina Rossmeisl das Anliegen auf den Punkt. Zudem freut sie sich darüber, dass das Angebot bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu einer "echten Teamarbeit" geführt habe. "Und das finde ich besonders schön: Dass aus einer Idee, die zunächst eher zufällig zu uns ins Haus kam, durch die Unterstützung der Leitung und durch das Engagement des Teams ein festes Angebot für unsere Bewohnerinnen und Bewohner geworden ist. Dafür bin ich wirklich dankbar."
In einem blauen, mit Mustern versehenen Mantel und einem großen Märchenbuch bewegte sich Sabine Binder durch den Saal. Foto: Peter Esser / Caritas