Der Leiter der Caritas-Erziehungsberatungsstelle Neumarkt und Sprecher für diesen Bereich beim Diözesan-Caritasverband Eichstätt, Dr. Thomas Schnelzer, spricht sich für ein Verbot sozialer Medien für Jugendliche unter 15 Jahren aus. Foto: Caritas/Peter Esser
Für ein Verbot sozialer Medien für Jugendliche unter 15 Jahren plädiert der Caritasverband für die Diözese Eichstätt. Es sei dringend erforderlich, dass die Bundesregierung dieses erlasse, meint Dr. Thomas Schnelzer, Leiter der Caritas-Erziehungs- und Familienberatung Neumarkt und Sprecher für diesen Bereich beim Diözesan-Caritasverband. Kinder und Jugendliche sollten "durch die empfindlichste Phase ihrer Hirnentwicklung gehen, bevor sie Zugang zu einem Hexenkessel aus sozialem Wettbewerb und algorithmisch vorausgewählten Influencer-Inhalten bekommen", zitiert Schnelzer den US-amerikanischen Psychologen Jonathan Haidt.
Auch Eltern würden entlastet
Ein entsprechendes Verbot würde nicht nur die jungen Menschen schützen, sondern auch die Eltern entlasten, die ansonsten auf verlorenem Posten stünden, wenn sie von sich aus versuchen, den Social-Media-Konsum der Kinder einzuschränken, erklärt Schnelzer. Er ist Diplom-Psychologe, Diplom-Theologe sowie Approbierter psychologischer Psychotherapeut und lehrt Pastoralpsychologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Das "Argument" der Kinder, "die anderen dürfen es doch auch" würde in sich zusammenfallen, aber auch die Angst der Eltern, "die angesichts einer nicht selten unkritischen Pro-Digitalisierungs-Propaganda befürchten, dass ihre Kinder den Anschluss an die ‚moderne Welt‘ verlieren".
Der Leiter der Caritas-Erziehungsberatungsstelle Neumarkt sieht "ein außerordentliches Suchtpotenzial von Social-Media-Apps". Dem Psychologen zufolge spricht die Fachwelt schon seit Jahrzehnten von "nicht stoffgebundener Abhängigkeit und ist sich darüber einig, dass soziale Medien insbesondere junge Menschen abhängig machen können." Wenn dieses Stadium erst einmal erreicht sei, komme es zur Vernachlässigung schulischer und anderer Pflichten sowie echter Sozialkontakte, weil das übermäßige Verlangen nach dem digitalen Suchtmittel zu unkontrolliertem, zeitlich immer mehr ausgedehntem Konsum führe, so Schnelzer.
Algorithmen besonders problematisch
Besonders problematisch sei, dass bei den sozialen Medien Algorithmen zum Einsatz kommen, die das Suchtpotential gezielt erhöhen würden: "Durch die Kombination von Inhalten, die Jugendliche besonders interessieren, mit dem Angebot scheinbarer Sozialkontakte werden junge Menschen dazu verleitet, so lange wie möglich online zu bleiben - auf Kosten echter Sozialkontakte", erläutert der Psychologe.
Süchtig entgleister Social-Media-Konsum provoziere auch die Zunahme weiterer psychischer Störungen. Studien in den USA, die mit der ersten Generation jugendlicher Social-Media-Nutzer in diesem Land durchgeführt wurden, hätten ergeben, dass die Betreffenden ängstlicher, depressiver, selbstverletzender und suizidaler im Vergleich zu früheren Generationen geworden seien.
Kinder und Jugendliche besonders gefährdet
Während Erwachsene Schnelzer zufolge mehrheitlich dazu in der Lage sind, soziale Medien so einzusetzen, dass sie keine psychischen Schäden davontragen, gelte dies nicht für Minderjährige: "Die Teile des Gehirns, die für belohnende, das heißt lustvolle Stimulation empfänglich sind, reifen schon früh heran. Der Bereich, der für Impulskontrolle und Widerstand gegen lustvolle Versuchungen verantwortlich ist - der Stirnlappen oder frontale Cortex - ist hingegen erst mit Mitte 20 voll ausgereift", erklärt er. Pubertierende seien darüber hinaus auch psychisch besonders verletzlich: "In ihrem Bedürfnis nach Selbstwertsteigerung und sozialer Anerkennung geben sie leicht dem Anpassungsdruck durch Gleichaltrige nach, die soziale Medien exzessiv konsumieren", weiß der Leiter der Erziehungsberatungsstelle.
Nach Überzeugung von Dr. Schnelzer ist es jedoch nicht damit getan, nur die Verfügbarkeit des Suchtmittels Social-Media einzuschränken. "Es gilt zu verstehen, dass Suchtmittel psychologisch gesehen häufig als Ersatz für unerfüllte Beziehungsbedürfnisse dienen." Für junge Menschen treffe dies in besonderer Weise zu. "Oft fühlen sie sich traurig, verunsichert und hilflos und benötigen dringend Unterstützung. Ist jedoch eine haltgebende Bezugsperson nicht vorhanden oder ist die Beziehung zu ihr belastet, übernimmt das Suchtmittel die Funktion eines jederzeit verfügbaren Beziehungsersatzes."
Reale Sozialkontakte stärken
Vor diesem Hintergrund sei es von größter Bedeutung, reale Beziehungen in der Familie, aber auch zu Freunden und Verwandten zu stärken, "denn positive Beziehungserfahrungen sind unabdingbar für seelische Stabilität oder Resilienz - und diese wiederum sind ein Bollwerk gegen jede Art von süchtigem Verhalten." Konkret geschehen könne dies durch eine Gesprächskultur, die den jungen Menschen bedingungslose Wertschätzung und einfühlendes Verstehen entgegenbringt, aber auch durch gemeinsame, am besten smartphonefreie Aktivitäten und Unternehmungen, schlägt der Caritas-Verantwortliche vor.