Prof. Dr. Georg Theunissen sprach an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt über „Autismus und Inklusion“. Foto: Caritas/Peter Esser
"Autismus und Inklusion. Es ist normal, verschieden zu sein": Zu diesem Thema hat der renommierte Vertreter der Autismusforschung Prof. Dr. Georg Theunissen am Mittwoch in der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt in der Aula der Einrichtung in Eichstätt gesprochen. Das Interesse war überwältigend: Rund 800 mit der Thematik befasste Fachkräfte in Beratungsstellen, Einrichtungen, Tagesstätten, Offenen Hilfen, Werkstätten und Schulen nahmen an dem Fachtag teil. Mehrere waren von einem anderen Raum sowie von zu Hause aus zugeschaltet.
"Ressourcenorientiert denken"
Die Zielrichtung machten bereits Vertreterinnen und Vertreter der Uni vor dem Hauptvortrag klar. "Es geht darum, Autismus nicht defizitorientiert, sondern ressourcenorientiert zu denken", sagte Präsidentin Prof. Dr. Gabriele Gien in ihrer Begrüßung. "Wir sind gefordert, die Fähigkeiten und Stärken der Betroffenen herauszuarbeiten", meinte die Dekanin der Fakultät für Soziale Arbeit, Inge Eberl. "Es geht um eine verstehende Sicht und Würdigung der betroffenen Menschen", erklärte Prof. Dr. Wolfgang Klug. Er und sein Kollege Prof. Dr. Gerhard Nechwatal hatten wesentlich die Veranstaltung organisiert und führten durch den Tag. Nechwatal war früher einmal im Caritas-Kinderdorf Marienstein tätig. Dort werden auch autistische Kinder und Jugendliche betreut.
Prof. Dr. Theunissen machte zunächst darauf aufmerksam, dass in Deutschland rund 1 bis 1,5 Prozent der Menschen, rund 800.000 Personen, von Autismus betroffen seien. Aus der Sicht der Betroffenen selbst ist dem Professor zufolge "Autismus weder eine Krankheit, noch per se eine psychische Störung, sondern Ausdruck eines persönlichen Seins". Autistische Menschen hätten selbst ein Modell mit sieben Merkmalen entwickelt, die sie kennzeichnen: Erstens hätten die Betroffenen Wahrnehmungsbesonderheiten. Als Beispiel nannte Theunissen einen Jungen, der sehr sensibel auf Quietschgeräusche von Schuhen reagiert und deshalb solche Schuhe meidet. Als seine Mutter ihm regenfeste Schuhe kaufte, sei es zwischen beiden daher zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen. Zweitens wiesen autistische Menschen ein unübliches Lernverhalten und sehr spezielles Denken auf. Häufig seien sie Selbstlerner. Manche ließen sich zum Beispiel nicht erklären, wie sie ihre Schuhe binden sollen, sondern studierten diese selbst, um sie dann auf eigene Art und Weise zuzubinden. Drittens hätten Betroffene Stärken, außergewöhnliche Fähigkeiten und spezielle Interessen. Als Beispiel erwähnte Theunissen hierfür einen Menschen, "der eine Vorliebe für Bücher hat, alles andere ist ihm nicht so wichtig. Als es ihm einmal schlecht geht, geht er daher nicht in die Apotheke, sondern in eine Bücherei."
Routine und Ordnung für Betroffene wichtig
Die Aula beim Fachtag war bis auf den letzten Platz gefüllt. Foto: Caritas/Peter Esser
Des Weiteren haben laut dem Professor autistische Menschen motorische Besonderheiten, die sich in "Schwierigkeiten in der Grobmotorik, aber durch ein hohes Feingefühl" äußern. Ganz wichtig seien für autistische Menschen ferner Beständigkeit, Routine und Ordnung. Als Beispiel nannte Theunissen hierfür einen Menschen, der verschiedene Früchte täglich in einer genauen Reihenfolge auf einer Kommode ablegt, damit er stets genau weiß, wann er welches Obst essen soll. Schließlich hätten autistische Menschen sprachliche Besonderheiten, die sich vor allem dadurch äußerten, "dass sie Sprache wörtlich nehmen". Theunissen erzählte: "Max rennt durch den Klassenraum. Der Lehrer fordert ihn auf, sich hinzusetzen, woraufhin sich Max auf den Boden setzt." Der Professor gab den Zuhörerinnen und Zuhörern hier einige konkrete Tipps im Umgang mit autistischen Menschen: So solle man ihnen gegenüber nicht sagen "Du bringst mich auf die Palme", sondern "Du machst mich wütend" und nicht "Das ist kein Kinderspiel", sondern "Das ist nicht so einfach". Letztlich weisen autistische Menschen nach den Worten von Theunissen Besonderheiten im Sozialverhalten auf. Sie zeigten sich etwa "im sozialen Rückzug angesichts des Erlebnisses einer Reizüberflutung". Grundsätzlich könnten sie schwer beiläufig sozial lernen, wodurch betroffene Kinder beim Schuleintritt vor einer doppelten Herausforderung stünden: einerseits akademisch zu lernen, andererseits sozial.
Als Fazit zog Prof. Theunissen, dass es im Umgang mit autistischen Menschen wichtig sei, diese Merkmale zu beachten. "Es ist völlig unzureichend, sich auf Diagnosen zu verlassen." Einrichtungen sollten ein Gesamtkonzept für den Umgang mit diesen Menschen erstellen. Vor allem, wenn es unzureichende Kenntnisse über den Autismus einer Person gibt, solle nach der Aufnahme eine dreimonatige Beobachtungsphase vorgeschaltet werden. Dann sei es wichtig, nicht den Menschen verändern zu wollen, sondern den Kontext zu ändern. Auch hierfür erwähnte Theunissen wieder ein Beispiel: Ein autistisches Kind brummte stets nach dem Sportunterricht zehn Minuten lang im darauffolgenden Unterricht, sodass diese kaum stattfinden konnte. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, dies zu ändern, holte man das Kind zehn Minuten früher aus dem Sportunterricht heraus und setzte es allein in die Klasse, wo er wie immer brummte. Als zehn Minuten später der Unterricht begann, war das Kind still.
Für den Schulunterricht gab der Professor einige besondere Tipps: zum Beispiel in der Klasse ein Patensystem einrichten, bei dem ein nicht autistisches Kind Pate eines autistischen Kindes wird, Klassenregeln zur Orientierung, Ablaufpläne, die Halt geben, Zwischenpausen für Rückzugsmöglichkeiten, Elternabende zur Aufklärung über die Besonderheiten autistischer Kinder, Texte mit großem Druck, die leichter lesbar sind, zusätzliche Themen, die den speziellen Interessen autistischer Kinder entsprechen sowie in der Schule genügend Räume für Rückzugsmöglichkeiten.
Noch viel Luft nach oben
Grundsätzlich sagte der Theunissen, gebe es bezüglich "Autismus und Inklusion" noch viel Luft nach oben, sowohl was die Qualifizierung der Lehrkräfte als auch was Aufklärung insgesamt betrifft bis hin zur Politik. Der Fachtag wurde von der Fakultät für Soziale Arbeit, der Philosophisch-Pädagogischen Fakultät, vom Förderkreis der Fakultät für Soziale Arbeit, von der Katholischen Erwachsenenbildung im Bistum Eichstätt - Diözesanbildungswerk und vom Caritasverband für die Diözese Eichstätt unterstützt.