Zu Beginn des therapeutischen Mittagessens nehmen sich alle an der Hand. Foto: Caritas / Peter Esser
Mit freudestrahlenden Augen begeben sich fünf pflegebedürftige und zum Großteil an Demenz erkrankte Seniorinnen sowie ein Senior an einen runden Mittagstisch im Speisesaal des Caritas-Seniorenheims St. Elisabeth Eichstätt. Erna Dier (87) ist an ihrem Stock, unterstützt von der Auszubildenden Krischnanjana Kuttappan Arm in Arm, hierhergekommen. Maria Hanrieder (92) wurde von Praxisanleiterin Petra Gilgenrainer gebracht und auf einen Stuhl gesetzt. Und den 91-jährigen Michael Graf hat Praxisanleiterin Monika Schmaus mit seinem Rollator an den Tisch geführt. Dort sitzen bereits Margareta Bittl (91), Philomena Schweller (84) und Maria Habermeier (92). Alle sind gekommen, um gemeinsam am therapeutischen Mittagessen teilzunehmen, das es seit drei Jahren in dem Haus gibt. Der Pflegenachwuchs ist immer dabei. Die dreijährige Pflegeausbildung in der Einrichtung beinhaltet auch eine gerontopsychiatrische Qualifikation.
Pflegebedürftige Menschen freuen sich auf die Champignonsuppe, die ihnen Azubi Krischnanjana Kuttappan serviert. Foto: Caritas / Peter Esser
"Unsere Bewohnerinnen und Bewohner hatten vorher öfters geäußert, dass sie mal in die Wirtschaft gehen wollen", erzählt Petra Gilgenrainer, "und deswegen haben Frau Schmaus und ich dann versucht, bei uns im Speisesaal ein Essen so zu gestalten wie in einem Restaurant." Mit dem therapeutischen Mittagessen gehe es darum, das Selbstbewusstsein, die Selbstbestimmung und die Ressourcen der Bewohnerinnen und Bewohner sowie deren Kommunikation untereinander und mit dem Personal zu fördern sowie Wünsche zu erfüllen. "Jeder darf entscheiden, ob und wie er sich beteiligt und ob er mit dem Löffel, der Gabel oder den Fingern isst", erklärt die Praxisanleiterin und ergänzt: "Interessant und wichtig ist, dass die Leute sich gegenseitig abschauen, wie gegessen wird, wir nennen das ‚Spiegeln‘".
"Jede Generation verdient ihre Würde"
Das Angebot entspricht so ganz dem Motto der diesjährigen Caritas-Herbstsammlung, das "Jede Generation verdient ihre Würde" heißt. "Wir schenken den Bewohnerinnen und Bewohnern, die hier dabei sein dürfen, Zeit", sagt Monika Schmaus. Zwar sei es heute Morgen wegen einigen Krankheitsausfällen stressig gewesen und man habe "viel umorganisieren" müssen. "Doch es ist für uns eine Herzensangelegenheit, auch an solchen Tagen dieses Essen in Gemeinschaft zu ermöglichen."
An den Tisch kommt Oscar, der kleine Hund der Einrichtungsleiterin Irene Stiegler. Der wedelt mit dem Schwanz, während ihn Erna Dier liebevoll krault. "Er ist so putzig, nicht wahr?" sagt die 87-jährige Bewohnerin und erzählt, dass sie früher selbst einen größeren Hund hatte. Michael Graf, der sich als "Hahn im Korb" am Tisch fühlt, teilt unterdessen den Mitarbeiterinnen mit, dass er immer wieder gerne zum therapeutischen Mittagessen komme. "Das hier ist mal was anderes", freut er sich über die Abwechslung vom Essen, das er ansonsten in einer Wohnküche bekommt. "Man sitzt mit verschiedenen Leuten am Tisch."
Erinnerungen an frühere Zeiten
Es herrscht eine fröhliche Stimmung und wird viel gelacht. Foto: Caritas / Peter Esser
Die Beteiligten erhalten als Getränke Wasser, Saft oder aber auch Radler und Bier. Zum Essen gibt es heute zunächst eine Champignoncremesuppe. Dann können die Senioren zwischen Schnitzel mit Kartoffel- sowie Krautsalat und "Scheiterhaufen" wählen. Letzteren haben mehrere der Frauen, die am Tisch sitzen, früher schon selbst zubereitet. "Getrocknete alte Brötchen werden eingeweicht, gebacken und dazu gibt es Apfel", erinnert sich Maria Habermeier. Dann erzählt diese zum wiederholten Mal, wie sie im Krieg in einer Pause der Schule Tiefflieger erleben musste, vor denen sie in Deckung ging und "aus denen eine junge Frau mit einem Pferd erschossen wurde". Ein Trauma, das die Seniorin immer wieder einholt, "denn sie musste das mit ansehen", erklärt Petra Gilgenrainer.
Am Anfang geben sich alle am Tisch die Hände - als Startsignal für die gemeinsame Zeit und das gemeinsame Mittagessen. Die meisten haben die Suppe schnell gegessen, nur Maria Habermeier nicht. "Suppenkaspar", sagt die Frau und deutet damit an, dass sie keine Suppe mag, wenngleich sie sie immer wieder probieren will. Nach der Suppe schneidet die Auszubildende für Maria Habermeier den Scheiterhaufen in kleine Stücke. Michael Graf genießt derweil schon sein Schnitzel. Wie die anderen schwelgt auch er gerne in der Vergangenheit. "Früher habe ich Walzer und ‚Zwiefacher‘ mit meiner Frau, die begeisterte Tänzerin war, getanzt", erzählt er. Bei Festen im Seniorenheim nimmt ihn deshalb Petra Gilgenrainer immer mal wieder an die Hand, "was ihm wie mir Freude macht", so die Caritas-Mitarbeiterin. Früher war Michael Graf als Fußballfan von Bayern München auch immer wieder einmal im Olympiastadion: "zu Zeiten, als Franz Beckenbauer gespielt hat." Heute schaut er nach eigenem Bekunden nur noch wenig Fußball im Fernsehen. Dennoch weiß er, dass die deutsche Nationalmannschaft es bei der jüngsten Fußball-Weltmeisterschaft "selbst vermasselt hat". Philomena Schweller berichtet, dass sie früher viel "gegartelt" hat. "Das heißt im Garten gearbeitet hat", übersetzt Michael Graf für die nichtbayerischen Essensteilnehmer am Tisch. Und sie sei mit ihrem Traktor voll von Gemüse und Kartoffeln morgens um fünf Uhr nach Ingolstadt gefahren, um ihre Waren dann dort auf dem Markt zu verkaufen.
"Es war ein gutes Miteinander"
Nach dem Hauptgang gibt’s für jeden Melone in kleine Stücke geschnitten und zum Abschluss von Azubi Krischnanjana Kuttappan noch ein kleines Stück Schokolade. An anderen Tagen ist es ein Eierlikör. Man merkt an der Stimmung: Die Leute sind fröhlich und lachen viel. "Und das schätzen sie auch sehr und bleiben gerne noch sitzen", so Petra Gilgenrainer. Nach dem Abschiedsritual, bei dem sich alle wieder an den Händen nehmen, erheben die Seniorinnen, der Senior und die Caritas-Mitarbeiterinnen gemeinsam ihr Glas und prosten sich zu. Dann bringen die Praxisanleiterin und die Auszubildende die Bewohnerinnen und Bewohner wieder in ihre Zimmer. Maria Habermeier, Philomena Schweller sowie Margarete Bittl kommen aber mit den Caritasmitarbeitern nochmals in den Garten zu einem weiteren kleinen Plausch, denn keiner wollte alleine in seinem Zimmer bleiben. Petra Gilgenrainer schließt die Runde ab, indem sie "das wundervolle, herzliche Miteinander", das alle erleben durften, besonders hervorhebt.
Zum Abschluss erheben alle ihr Glas und prosten sich zu. Foto: Caritas / Peter Esser