Jugendliche der Realschule Berching besuchen wöchentlich Bewohnerinnen und Bewohner des Caritas-Seniorenheims St. Franziskus in Berching. Foto: Caritas/Peter Esser
"Zusammen geht was. Caritas verbindet Generationen." So lautet das Motto der diesjährigen bundesweiten Caritas-Jahreskampagne. Ein Bespiel für diesen Leitspruch ist bereits seit über einem Vierteljahrhundert ein Projekt der Realschule in Berching mit dem ortsansässigen Caritas-Seniorenheim St. Franziskus. Seit dem Jahr 2000 kommen Mädchen und Jungen dieser Schule einmal wöchentlich zu Einzelgesprächen zu Bewohnerinnen und Bewohnern der Caritaseinrichtung oder zu gemeinsamen Veranstaltungen.
Von einer Beschwerde zum Projekt
"Dieses Projekt kam zustande, da die Schwestern, die früher dieses Seniorenheim leiteten, sich beschwert hatten, dass in der Gemeinde niemand mit ihnen zusammenarbeitet. Da haben wir spontan gesagt: Das können wir ändern. Wir führen die Jugend und die Älteren zusammen", erinnert sich Beate Burkhardt, Projektleiterin an der Realschule Berching. Seitdem gehen die Schülerinnen und Schüler einer Arbeitsgemeinschaft (AG) zu den inzwischen meist pflegebedürftigen Menschen, unterhalten sich mit ihnen, spielen und basteln mit ihnen, lesen ihnen etwas vor oder gehen mit ihnen spazieren. "Und das bereichert beide Seiten", erfährt die Lehrerin immer wieder. Heute haben sich rund 15 Jugendliche der Klassenstufen 7 bis 9 mit fünf Seniorinnen und Senioren getroffen, um in der Gruppe über ihre Lebenserfahrungen zu sprechen.
Unter ihnen ist die 84-jährige Maria Götz, die aus dem Berchinger Gemeindeteil Wackersberg kommt. Sie ist seit letztem August in dem Seniorenheim und erhält mittwochs in der Mittagszeit eine Stunde lang Besuch von der 13-jährigen Miriam und der zwölfjährigen Luisa aus der Klasse 7b. Maria Götz erzählt den beiden Mädchen, dass es für sie eine harte Zeit gewesen sei, als ihr ältester Sohn vom damaligen Pfarrer überredet wurde, ins Bischöfliche Seminar nach Eichstätt zu gehen. Der fehlte dann bei der Arbeit in der Landwirtschaft, aber natürlich auch der Familie persönlich. Miriam findet es immer wieder spannend, von Maria Götz zu hören, wie die Zeit vor der Digitalisierung war. "Ich kann mir das schon vorstellen, aber es ist irgendwie doch ungewohnt zu wissen, dass man damals halt nicht immer zu erreichen war", meint das Mädchen. Die beiden Schülerinnen freuen sich darauf, bald im Frühling mit Maria Götz im Garten des Seniorenheimes spazieren zu gehen.
Ein bewegtes Leben hat auch der 88-jährige Josef Spitz hinter sich. Er kam letztes Jahr im März gemeinsam mit seiner an Demenz erkrankten Ehefrau nach St. Franziskus. "Ich habe sie zwanzig Jahre lang gepflegt, aber dann ging es nicht mehr", berichtet Spitz. Drei Wochen lebten sie zusammen im Seniorenheim, dann starb seine Frau an einer Lungenentzündung.
Von Krieg und Vertreibung erzählt
Den jungen Besucherinnen und Besuchern will er heute ein einschneidendes Erlebnis aus seiner Kindheit erzählen, das bei ihm immer noch ab und zu Albträume auslöst. 1945, als Josef Spitz sieben Jahre alt war, rückte die Wehrmacht in seinem Heimatort Siegenhofen - ein Gemeindeteil von Deining - ein. Da die Familie im Wohnzimmer einen Kachelofen hatte, kamen die Soldaten öfters zu ihnen ins Haus, um sich aufzuwärmen und ihre Mäntel zu trocknen. Unter ihnen war auch einmal ein Überläufer zu den Amerikanern. Dieser hielt auf einmal dem Vater von Josef Spitz eine Pistole an die Brust und drohte auch, die nahegelegene Scheune in Brand zu setzen. Da lief die Dienstmagd zu den Nachbarn, wo die SS untergebracht war. Ein SS-Mann erschoss daraufhin den Überläufer und dieser fiel auf den hinter ihm stehenden Josef Spitz und begrub ihn unter seinem Mantel. "Ich habe mich nicht zu rühren getraut", berichtet der heutige Seniorenheimbewohner den Realschülerinnen und Schülern. "Und wenn ich heute Kriegsbilder im Fernsehen sehe, kommt bei mir dieses Erlebnis immer wieder hoch."
Plötzlich ist es ganz still im Saal, in dem sich die Schülerinnen und Schüler mit den Seniorinnen und Senioren getroffen haben. Dann sagt die 13-jährige Emma aus der Klasse 8c. Ich finde das erschreckend und bin froh, dass ich das damals nicht miterleben musste." Doch sie findet es auch interessant, "immer wieder solche Geschichten von früher zu hören". Ihre 14-jährige Mitschülerin Eva aus derselben Klasse meint: "Ich kann mir das gar nicht vorstellen, was Sie erlebt haben. Da kann man sich erst einfühlen, was in der Ukraine zurzeit junge Leute mitmachen müssen." Josef Spitz nickt und beteuert: "So eine schlimme Zeit wünsche ich keinem Jugendlichen."
Schlimme Erlebnisse hatte auch die 82-jährige Seniorenheim-Bewohnerin Hilde Frank, die in der Nachkriegszeit mit ihrer Familie aus dem Böhmerwald vertrieben wurde. Da war sie drei Jahre alt. "Wir wussten nicht, wohin wir kommen. In den Waggons gab es kein Wasser, keine Toilette, nichts", erzählt Hilde Frank. Sie kamen nach Beilngries. "Zigeuner", habe sie eine Frau angeschrien. Sie zogen in ein Haus, dass voller Dreck und Müll war und das der Vater erst ausräumen musste. "Wir hatten nichts, keinen Stuhl, kein Bett, keinen Topf", erinnert sich Hilde Frank, aber auch daran, dass ihr und ihrer Schwester "eine Nachbarin ein bisschen Suppe brachte, weil wir ihr leidtaten."
Schön, "dass die älteren Menschen sich so sehr freuen"
"Ich finde das ganz schlimm, was damals passiert ist, und das waren ja keine Einzelfälle, sondern ist oft geschehen", sagt die zwölfjährige Mayla aus der 7b, aber sie fügt hinzu: "Deshalb mache ich hier in dieser AG auch mit, damit ich so etwas höre und von der Vergangenheit erfahre." Doch sie beteiligt sich auch und vor allem, "weil ich es schön finde, dass die älteren Menschen sich so sehr freuen, wenn sie jüngere sehen und mit uns reden können". Der Leiter des Caritas-Seniorenheims meint denn auch: "Dieses langjährige Projekt für Alt und Jung ist wirklich eine große Bereicherung für die Schülerinnen und Schüler sowie für unsere Bewohnerinnen und Bewohner. Und dass ab und zu dann auch jemand von den jungen Menschen bei uns seine Ausbildung gemacht hat, ist natürlich umso schöner."