Rund hundert Personen nahmen an der Caritasveranstaltung „Wenn psychische Belastung sichtbar wird – Handlungssicherheit für KiTa-Verantwortliche“ teil. Foto: Caritas / Peter Esser
"Wenn psychische Belastung sichtbar wird - Handlungssicherheit für KiTa-Verantwortliche": Zu diesem Thema hat der Caritasverband für die Diözese Eichstätt am Dienstag im Kloster Plankstetten eine Konferenz für Träger und Leitungen von katholischen Kindertageseinrichtungen im Bistum Eichstätt veranstaltet. Rund hundert Personen nahmen daran teil. "Es ist ein Thema, das aktueller nicht sein könnte. Die Anforderungen im pädagogischen Bereich steigen ständig und die Belastungen nehmen zu", führte die Leiterin des Caritas-Referates Kindertageseinrichtungen, Isabelle Escher-Bier, in de Tagung ein. Gleich drei Expertinnen und Experten referierten: Martin Guth, Geschäftsführer des Krisendienstes Psychiatrie Oberbayern, hielt einen Vortrag über "Psychische Gesundheit im Fokus: Wenn es mal zu viel wird …". Lilly Leppmeier, Referentin Organisationsberatung für die Region Süd bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW), sprach über die Gefährdungsbeurteilung und Angebote ihrer Organisation bei psychischen Belastungen. Und Iris Raba, Systemische Beraterin und Mental Health Consultant, stellte ein Konzept "Erste Hilfe für psychische Gesundheit" vor. Ein konkretes Ergebnis der Tagung war denn auch, dass Raba in Zusammenarbeit mit der Caritas demnächst eine entsprechende Fortbildung anbieten will.
Belastungen vom Irankrieg bis zu Konflikten mit Eltern
Isabelle Escher-Bier, Martin Guth, Iris Raba und Lilly Leppmeier (von links) gestalteten die Träger-Leitungskonferenz für katholische Kitas im Kloster Plankstetten.. Foto: Caritas / Peter Esser
Martin Guth machte auf zahlreiche Themen aufmerksam, welche die Welt bewegen und psychische Belastungen begünstigen könnten: Migration, Irankrieg und Spritpreise, Kriminalität, Bürokratie, Demographischer Wandel, Digitalisierung, Krieg in der Ukraine und Wirtschaft, Arbeitslosigkeit und Inflation. Er nannte zudem mehrere psychische Belastungsfaktoren für die Arbeit in Kitas: unter anderen Kranken- und Personalstand, Finanzlage des Trägers, Lärmpegel, Gruppengröße oder auch das persönliche Belastungsniveau, der Anspruch "Bildungsauftrag anstatt Satt und Sauber" oder Konflikte mit Eltern. Guth informierte darüber, dass die Problemspektren der Anruferinnen und Anrufer beim Krisendienst Psychiatrie Oberbayern im Jahr 2025 im Fall einer Psychosozialen Krise vor allem die Sorge um Angehörige und andere Personen, Probleme im privaten Umfeld, akute Belastungsreaktionen und berufliche Probleme wie Arbeitslosigkeit gewesen seien. Bei den psychiatrischen Krisen habe es sich insbesondere um depressive Zustände, Ängste und Panik sowie affektive Instabilität gehandelt.
Wichtige Frühwarnzeichen für psychische Belastungen seien zum Beispiel anhaltende Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, starke Stimmungsschwankungen, innere Leere, das Meiden von sozialen Kontakten, Schlafstörungen oder starke Müdigkeit, Konzentrations- und Entscheidungsschwierigkeiten, Leistungseinbrüche oder Reizbarkeit und Aggressionen. In solchen Situationen sei es wichtig, ein offenes Gespräch mit Kolleginnen, Kollegen oder Vorgesetzen zu suchen, um Entastung zu finden, sowie Hilfsangebote zu nutzen: zum Beispiel den Krisendienst Psychiatrie unter 0800 6553000, Sozialpsychiatrische Dienste, Selbsthilfegruppen - auch für Angehörige psychisch Erkrankter - Institutsambulanzen oder psychiatrische Kliniken. Ganz wichtig sei es für Betroffene "zu lernen, Hilfe anzunehmen", so Guth. "Viele Betroffene erleben es schließlich als bereichernd und als Zeichen ihrer eigenen Stärke, wenn sie sich rechtzeitig Hilfe geholt haben." Damit eine Führungskraft in einer Einrichtung psychisch belasteten Mitarbeitenden helfen kann, sei es wichtig, dass sie dort eine offene und wertschätzende Kommunikation sowie eine offene Fehlerkultur pflegt. Der Geschäftsführer des Krisendienstes Psychiatrie Oberbayern betonte: "Seelische Erkrankungen zählen zu den häufigsten Krankheitsbildern überhaupt." Nach seinen Angaben ist die Anzahl aller Anrufe bei den Krisendiensten in Bayern von gut 60.000 im Jahr 2021 auf über 109.000 im Jahr 2025 gestiegen. Die Anzahl der Einsätze für persönliche Kriseninterventionen habe sich in dieser Zeit von knapp 2.350 auf fast 4.300 erhöht.
Auf die Frage einer Teilnehmerin der Veranstaltung, wann es der richtige Zeitpunkt sei, sich Hilfe zu holen antworte Guth, dass dies "sehr individuell ist, aber am besten so früh wie möglich, wenn man merkt, dass etwas nicht stimmt". Ein anderer Teilnehmer wollte wissen, ob es nicht besser sei, zuerst den Betriebsarzt anzurufen. Ihm riet Guth, sich gleich an einen Krisendienst oder Sozialpsychiatrischen Dienst zu wenden, "denn da sind die Fachleute". Er wies aber auch darauf hin, dass der Krisendienst Psychiatrie und die Telefonseelsorge "sich gegenseitig Betroffene vermitteln, wenn sie es für sinnvoll halten".
Erste Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit geplant
Iris Raba teilte mit, dass es in Deutschland seit dem Jahr 2019 Erste Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit gebe, die in Bayern aber noch nicht so bekannt seien. "Diese Kurse werden sowohl in Präsenz als auch online angeboten", informierte sie. Laien würden in zwölf Stunden zu Ersthelfenden in diesem Bereich ausgebildet. Neben theoretischer Wissensvermittlung würden auch konkrete Erste-Hilfe-Maßnahmen bei sich entwickelnden psychischen Gesundheitsproblemen und bei akuten psychischen Krisen erlernt und durch praktische Übungen gefestigt. Die globale Vision von "Mental Health First Aid" sei: "Erste Hilfe für psychische Gesundheit soll so selbstverständlich werden wie Erste Hilfe für körperliche Gesundheit."
Die Caritas will demnächst einen Kurs für Mitarbeitende in katholischen Kitas mit Iris Raba organisieren. Die Mitarbeiterin des Referates Kindertageseinrichtungen Maria Preischl berichtete bei der Veranstaltung kurz von einem Online-Kurs, an dem sie bereits teilgenommen hat. Sie sagte, sie habe dort "das Handwerkszeug für einen Umgang mit psychisch belasteten Menschen bekommen". Sie könne sich gut vorstellen, dass ein solcher Kurs für Mitarbeitende in Kitas hilfreich sei: für den Kita-Alltag im Umgang mit betroffenen Mitarbeitenden ebenso wie für zum Beispiel "belastende schwierige Elterngespräche".
Lilly Leppmeier erklärte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern den Ablauf einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen bei der BGW: Arbeitsbereiche und Tätigkeiten festlegen, Gefährdungen ermitteln und beurteilen, Maßnahmen festlegen und durchführen, Wirksamkeit überprüfen und die Gefährdungsbeurteilung fortführen - so lauten die Schritte. Betroffenen angeboten würden kostenfrei unter anderem Befragungen - auch online -,, Workshops und Gruppeninterviews. Auch gebe es eine telefonische Krisenberatung für BGW-Versicherte und ein Krisen-Coaching für herausfordernde Führungssituationen. Die BGW biete zudem eine Qualifizierung zum innerbetrieblichen Deeskalationstrainer an, so Leppmeier.