Ein halbes Jahrhundert Gefährdetenhilfe: Das feiern die Caritas-Wohnheime und Werkstätten Ingolstadt in diesem Mai. Die Hilfe begann, als die Einrichtung am 4. Mai 1964 als „Wohnheim für alleinstehende heimatlose Ausländer“ eröffnet wurde. Der Hintergrund: Im zweiten Weltkrieg waren vom Deutschen Reich Personen aus den eroberten osteuropäischen Gebieten angeworben oder auch verschleppt worden. Sie mussten in der Rüstungsindustrie, in Bergwerken oder der Landwirtschaft arbeiten. Nach dem Krieg konnten sie nicht zurück, weil sie in ihren Herkunftsländern als Verräter eingestuft wurden und schwere Strafen bis hin zum Tode fürchten mussten. Mehrere kamen nicht mehr mit ihrem Leben zurecht – hauptsächlich aufgrund von psychischen Erkrankungen und Alkoholproblemen. Diese heimatlosen Ausländer lebten vorerst in Lagern. In Ingolstadt kümmerte sich Caritas-Betreuer Walter Lukas um sie. Schließlich wurden mit Unterstützung der Vereinten Nationen Heime errichtet. Zu diesen gehörte das Wohnheim für alleinstehende heimatlose Ausländer. Träger wurde der Diözesan-Caritasverband, erster Leiter Walter Lukas.
Schon 1965 nahm die Einrichtung aber auch nichtsesshafte und strafentlassene Menschen auf, denn die heimatlosen Ausländer starben recht bald. Bereits 1970 gab es über 20 Gräber für diese auf dem Westfriedhof. Folglich wurde der Name der Einrichtung 1968 in „Eingliederungsheim“ geändert. 1975 wurden mit der Schreinerei, Malerei und Schlosserei die ersten Werkstätten errichtet, 1980 kam die Kfz-Werkstatt hinzu. 1985 begannen erste Qualifizierungs- und Beschäftigungsinitiativen in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt. Laut Anton Frank, der die Einrichtung ab 1971 über 33 Jahre lang leitete, trug die Arbeit in den Werkstätten dazu bei, „dass sich unser anfangs schlechter Ruf verbesserte. Da sahen die Nachbarn: Aha, die Leute tun was“, erinnert sich der frühere Leiter.
Seit Mitte der Siebzigerjahre wird Menschen mit unterschiedlichsten gravierenden sozialen Problemen neben stationärer auch teilstationäre Hilfe zur Selbsthilfe tagsüber in Beschäftigungsbetrieben angeboten. Mit der weiterentwickelten sozialen Zielrichtung änderte sich 1988 noch einmal der Einrichtungsname: in die heutigen „Caritas-Wohnheime und Werkstätten“. Michael Rinnagl, Leiter seit dem Jahr 2005, erläutert den Wandel an den Hilfe suchenden Menschen: „Der Klient ist nicht mehr der klassische Obdachlose, doch er hat grundsätzlich dieselben Problemlagen wie früher: Er ist vorübergehend oder längerfristig nicht in der Lage, ein eigenständiges Leben zu führen und aufgrund von Wohnungslosigkeit, Strafentlassung, Suchterkrankung, psychischer Erkrankung oder Langzeitarbeitslosigkeit auf unsere Hilfe angewiesen.“ Für das Hilfeangebot bedeute dies, dass der Fokus heute nicht mehr nur wie früher auf sozialpädagogischer Betreuung und Wohnen liege. Vielmehr ermöglichen auch tagesstrukturierende Beschäftigungs- und Arbeitstherapieangebote den Betroffenen sinnstiftende Arbeit, „damit die Menschen Wertschätzung, Zugehörigkeit, Sicherheit und Selbstbestimmung erfahren“. Dazu erhielten diese mit der Zeit in immer mehr Feldern Qualifizierungs- und Beschäftigungsgelegenheiten: 1990 wurde der Arbeitsbereich „Umwelt, Garten, Forst“ gegründet, 1993 der Gebrauchtwarenmarkt mit Reyclinghof in der Bruhnstraße eröffnet – der im Jahr 2000 ins Gewerbegebiet Gaimersheim verlegt wurde.
1995 übernahm die Einrichtung den Dienst „Essen auf Rädern“. Mitarbeiterinnen fahren vielfältige Gerichte aus, die in der Caritas-Großküche im Haus St. Alfons in der Telemannstraße gekocht werden. In diesem Haus selbst wurde kurz zuvor 1993 das ehemalige Redemtoristen-Kloster in ein weiteres Wohnheim umgebaut. Seit dem 2001 ist „Prodie“, eine Tochter der Caritas-Wohnheime und Werkstätten für „Produkte und Dienstleistungen“, als Beschäftigungsgesellschaft für langzeitarbeitslose Menschen tätig: vor allem durch Dienste bei Wohnungsauflösungen. 2005 erhielten erstmals zwölf benachteiligte Jugendliche öffentlich geförderte Ausbildungsplätze in den Beschäftigungsbetrieben, ferner sechs Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen und Suchterkrankungen vom Bezirk Oberbayern finanzierte Zuverdienstarbeitsplätze. In den Jahren 2006 bis 2008 wurden eine Recyclingwerkstatt, ein Kleider- sowie Büchermarkt und eine Fahrrad- und Kreativwerkstatt ins Leben gerufen.
Das Caritas-Wohnheim in der Hugo-Wolf-Straße in den Anfangsjahren. Foto: Caritas-Wohnheime und Werkstätten